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Interview mit jüngstem Startup-Gründer Koblenz


von koblenz-digital

Unternehmen sollten an ihrer Leistung gemessen werden, nicht am Alter der Gründer

Interview mit dem jüngsten Startup-Gründer von Koblenz: Daniel Zacharias

 

Daniel Zacharias lernte ich beim Workshop im Druckhaus der Rhein-Zeitung kennen. Über die Veranstaltung zum Thema Digitalisierung und Zukunft habe ich hier bereits gebloggt. Zacharias zog als Stimme junger Unternehmensgründer in der Podiumsdiskussion die Blicke auf sich. Sein Startup hat eine App für Schulen entwickelt. Im Bereich Bildung sei es jedoch sehr schwierig an Investoren zu kommen, da die Politik Innovationen an Schulen nicht fördere, erklärte er. Die Ausführungen des engagierten 20-jährigen klangen interessant. Wir kamen ins Gespräch und verabredeten uns wenige Wochen später zum Interview. Treffpunkt waren die Büros der Sdui GmbH im Technologiezentrum Koblenz (TZK).

 

Daniel, wer bist du und was machst du?

Mein Name ist Daniel Zacharias, ich bin Gründer und Geschäftsführer von Sdui und möchte den Bildungsbereich revolutionieren.

Wir (gemeint ist das Sdui-Team) haben uns bereits als Schüler gefragt: Wo hakt es denn? Überall liest und hört man von Digitalisierung hier, Digitalisierung da. Aber der Endnutzer Schule steht vor dem Thema und weiß nicht, was er tun kann. Unser Anliegen ist daher, die ohnehin stattfindende Digitalisierung der Gesellschaft mit dem veralteten System Bildung zusammenzubringen.

 

Im Workshop der Rhein-Zeitung und IT.Stadt hast du auf der Bühne erzählt, dass du dich als Schüler oft über den Vertretungsplan geärgert hast. Warum?

Wir hatten teilweise einen langen Weg zur Schule und ärgerten uns, wenn wir uns früh aus dem Bett geschleppt und auf den Weg gemacht hatten, aber dann in der Schule feststellen mussten, dass die ersten beiden Stunden ausfielen. Entweder man akzeptiert das, dann darf man nicht meckern oder man meckert und lässt sich etwas einfallen. Das ist unsere Entstehungsgeschichte.

 

Wie kann man sich das vorstellen? Als Schüler wart ihr unzufrieden, du und ..?

Zwei Freunde. Jan Micha Kroll, der eine Klassenstufe unter mir war und René Meyenburg – zwar von einer anderen Schule, aber mit dem gleichen Problem.

 

Wie alt wart ihr, als es losging?

Ich war 19 und hatte gerade mein Abitur beendet. René machte zu dieser Zeit seine Ausbildung und Jan Micha ging noch zur Schule, um sein Abi zu beenden.

 

Und da dachtet ihr, es wäre nicht schlecht mal was Neues zu starten?

Tatsächlich entstand der Drang dazu durch „Jugend forscht“. 2016 haben wir daran teilgenommen und dort unsere App für digitale Vertretungspläne vorgestellt. Jeder Schulleiter, Lehrer und Schüler, der an unseren Stand kam, sagte: „Hey, das ist genau das Problem, das wir an unserer Schule haben!“ In unserer App ging es damals darum, die Informationen der Schule zu bündeln, zu personalisieren und digital an die Schülerschaft zu senden, damit jeder vorzeitig wusste, dass beispielsweise die erste Stunde ausfällt. Die erste Version des Produktes war fertig. Das war Sdui.

 

Das heißt, ihr habt das alles selbst programmiert als Schüler?

Ja genau. Bei mir waren es jedoch nur die Grundlagen der Programmierung. Ich habe danach eher Geschäftsführungsaufgaben übernommen. René kümmerte sich wegen der Ausbildung eher um die Server und Jan ist unser absoluter Programmierspezialist.

 

Was habt ihr euch selbst beigebracht? Welche Programmiersprachen?

Ich war damals nur für den Native-Teil und das Design da. Das heißt, ich habe die ganzen Designs gemacht, Swift-Programmierung. Unser Experte sitzt hinten (im Büro nebenan), der kann, glaube ich, alles. PHP, Java Script, SQL usw. Ich konnte nur CSS und HTML, aber er hat Frontend und Backend komplett gebaut. Unser dritter Kollege ist ein Server-Experte. Wir haben ja ein Cloudbased Communicationtool. Und wir sind alle gute Grafiker. Also, alles selbst programmiert, zu Jugend forscht gegangen, festgestellt, es kommt gut an.

 

Ihr habt Glück gehabt, dass ihr euch so perfekt zusammengefunden habt.

Stimmt. Wir kennen uns inzwischen seit etwa 10 Jahren. Aber ja, wir dachten uns, wir müssten mal etwas aus dieser Kombination machen.

Und wenn du so ein Projekt machst, kannst du nur deine eigene Schule verändern. Durch Jugend forscht haben wir gemerkt, es interessiert mehr als nur eine Schule. Deshalb haben wir überlegt, dass es nicht schlecht wäre eine Firma daraus zu machen und mehr Schulen zu erreichen.

 

Wer ein wenig recherchiert, findet Namen wie „Pando Ventures“ in deinem Profil. Was bedeutet das?

Gut recherchiert. Vermutlich LinkedIn, stimmt´s? Pando Ventures ist der Accelerator*, den wir durchlaufen haben. Wir haben am 17. August 2017 gegründet. Als UG bekamen wir Panik, dass wir die Gründungskosten nicht stemmen würden. Das hat zwar mit unserem eigenen Geld doch noch geklappt, aber dennoch wussten wir nicht, wie wir unser Produkt vermarkten sollten. Deshalb haben wir Unterstützung gesucht. Ausgerechnet erst am Tag vor Anmeldeschluss haben wir uns bei Pando Ventures Accelerator beworben. Das war der 30. August 2017. Am nächsten Tag haben wir um 2:56 Uhr die Zusage bekommen. Es war schon komisch für mich zu sehen, okay, die arbeiten auch nachts.

 

Und wie ging es weiter?

Am nächsten Morgen mussten wir dorthin fahren. Ich glaube, um 10 Uhr war das. Auf der Fahrt erhielt ich die Nachricht „Bringt mal euren Pitch mit“. Das Schlimmste war, ich wusste nicht einmal, was das ist! Also schnell gegoogelt und auf dem Weg nach Wiesbaden eine Präsentation erstellt. Wir kamen dort an, haben alles vorgetragen und wurden aus über 100 Startups ausgewählt für den zweiten Bench. Das bedeutet, wir durften uns mit Pando Ventures Fragen nähern, die mit dem Markt zu tun haben. Was ist der Markt? Was müssten wir tun? Wir bekamen zahlreiche Tipps und Coachings. Bis Dezember 2017 bauten wir unser Produkt gemeinsam weiter auf. Sie sind bis heute ein sehr wichtiger, strategischer Partner für uns.

 

Also sind Accelerator besonders wichtig für Startups?

Ja. Für uns war das wichtig. Denn wir wussten nicht, wie wir das Ding auf den Markt bringen sollten. Ich glaube, ein Accelerator hilft wenig bei der Produktentwicklung. Es geht vielmehr darum, ein Produkt weiter zu definieren und zu schauen, wo der Markt ist. Auch mediale Unterstützung durch das Netzwerk der Accelerator bringt viel. Zum einen ist ein Netzwerk da, zum anderen Expertise in der Investition und drittens ein Gespür für den Markt. Für uns war es essentiell, dass sie uns aufgenommen und gepusht haben.

 

Was bedeutete das für euch persönlich?

Wir sind damals aus dem Westerwald nach Wiesbaden gezogen und haben eine zeitlang in Airbnb-Unterkünften gelebt. Das war komisch. Teilweise wohnten wir alle in einem Zimmer. Als die Sommerferien vorbei waren, mussten die anderen immer wieder zurück zur Schule. Ich hatte zum Glück das Abi schon. Weiterhin haben wir etwa einen Monat lang 12 bis 14 Stunden am Tag aktiv an unserem Produkt gearbeitet. Seitdem fahren wir ein bis zweimal die Woche noch nach Wiesbaden und erhalten dort Coachings. Das ist strategisch sehr sinnvoll.

 

Toll, diese Unterstützung zu bekommen.

Ja! Und das ist das, was auch Koblenz braucht. Eine Firma, die sagt: Wir unterstützen Startups. Es geht nicht um Geld, sondern um wichtige Netzwerk-Kontakte und Experten, die einen mit ihrem Wissen unterstützen. Denn wer selbst schon das alles erlebt hat, kennt die Tücken und Fehler. Wir müssen aber nicht die Fehler anderer wiederholen. Deshalb ist es gut, wenn jemand die Erfahrung mit einem teilt.

Man bekommt Panik, wenn man keinen Studien- oder Ausbildungsabschluss hat. Da muss man etwas haben, das funktioniert.

 

Euer Team ist nicht gerade klein für ein junges Unternehmen. Was genau macht ihr hier?

Jetzt gerade sitzen im Büro nebenan zwei Programmierer, unser Chef für Userinterface und Userexperience sowie der Netzwerk-Experte. Dann haben wir natürlich einen Marketing-Chef, der sich auch um Social Media kümmert.

Als Startup musst du dir alles, auch die Unternehmenskultur, aufbauen. Wo sind unsere Werte? Wie lauten unsere Leitlinien? Stichwort Styleguide. Wir haben einen Business-Developer und einen im Support. Es kommen jeden Tag Anfragen, zum Beispiel, wenn jemand sein Passwort vergessen hat. Darum muss sich der Support kümmern. Zuletzt haben wir einen Vertriebler, der heute – wie meist – unterwegs ist. Und auch ich mache im Vertrieb mit. Wir versuchen mehr Schulen zu gewinnen.

Die Programmierer sind mit dem Launch unseres neuen Updates beschäftigt, das wir im Mai rausbringen. Der Markt ist im Moment super schnell. Das heißt, du musst in kürzester Zeit die neusten Features auf den Markt bringen und deine Features automatisieren bis ins letzte Detail. Denn auch Schulleiter wollen weniger zusätzliche Arbeit. Für uns ist es entscheidend, Prozesse in Schulen zu vereinfachen und schneller zu machen. Nicht mehr Aufwand, sondern Mehrwert.

 

An welcher Funktion arbeitet ihr gerade?

Als ein neues Feature kommt beispielsweise der Elternmodus. Damit werden Krankmeldungen und Elternbriefbestätigungen mit einem Klick durch die Eltern möglich sein. Kennst du diese kleinen Zettel, die Eltern immer rausschneiden und unterschreiben müssen, als Beleg dafür, dass sie den Elternbrief gelesen haben? Endlich werden sie nicht mehr schnippeln müssen. Wir wollen eine Lösung von der Grundschule bis zur Uni sein.

 

Handelt es sich bei euren bisherigen Kunden um Koblenzer Schulen?

Nein, die fehlen noch. Es sind bisher Schulen aus der Region um Koblenz herum. Wir sind aber mit vielen Koblenzer Schulen im Gespräch.

 

Bei euch hat sich das alles dank Jugend forscht entwickelt. Sollte der Schulunterricht, deiner Meinung nach, anders aussehen?

Ja!

 

Ich stelle die Frage, weil ihr aus der Schule heraus mit einer innovativen Idee gestartet habt.

Und ich glaube, der Punkt, warum das gelungen ist, ist die Unterstützung von extern. Unsere Familien haben uns sehr gefördert, haben viel getragen. Accelerator wie Pando oder auch Unternehmensberater ebenfalls. Von der ersten Sekunde an hatten wir einen sehr guten Unternehmensberater, den wir über unsere Familie gut kannten. Er hat uns gepusht.

 

Unter den genannten Förderern kam die Schule nicht vor.

Stimmt, denn in der Schule entsteht nur viel Förderung, wenn man sehr gute Lehrer hat. Das ist eine Voraussetzung. Wir hatten einen Lehrer, der sich wirklich stark für uns engagiert hat. Er kam und fragte: Was kann man noch tun? Wie können wir euch unterstützen? Auch der stellvertretende Schulleiter machte sich beispielsweise Gedanken ums Sponsoring. Mehrere Lehrer zeigten Einsatz.

 

Das heißt, über den regulären Unterricht hinaus?

Ja, genau. Das waren Extraleistungen. Und da liegt das Problem. Das ist, was oft fehlt.

 

Was waren das denn für Lehrer – ohnehin begeisterte Informatiker?

Einer ja, andere nicht. Es war ganz unterschiedlich. Viele der Lehrer unterstützen uns übrigens bis heute.

Ich bin sehr froh darüber, dass Leute ihre Extrameile gehen und uns über den gewöhnlichen Unterricht hinaus fördern. Was sehr wenig geschieht, ist Förderung im Unterricht. Vermutlich gibt es deshalb so wenige Startups, die direkt nach der Schule gegründet werden.

 

Wie könnte denn bessere schulische Bildung aussehen?

Wie sie aussehen könnte? Schauen wir uns zunächst die Gesellschaft an. Seit einiger Zeit heißt es, alle müssten programmieren lernen. Gleichzeitig entwickeln wir eine künstliche Intelligenz, die selbst programmieren kann. Für viele ist das Ziel, alles zu automatisieren. Wenn wir weiterhin nur dabei bleiben, programmieren zu lernen oder zu lernen, wie man Maschinen bedient und Dinge einfach ausführt, dann entwickeln wir eine Generation, die nur aus dem Zweck heraus Arbeiter sind. Sie kriegen einen Zweck und müssen ihn abarbeiten. Ich glaube, uns fehlt Kreativität. Wir müssen uns mehr entfalten. Ganz ehrlich? In meinen Augen müssten die wichtigsten Schulfächer so wie Kunst und Musik sein. Die Fächer, in denen wir lernen uns kreative Gedanken zu machen. Wir müssten uns fragen: Was braucht die Welt? Aktuell lernen wir an Schulen und Universitäten immer noch vieles, das wir nie brauchen werden. Vergessen wir jetzt mal einzelne Fächer. Wichtig wäre projektbezogenes Arbeiten. Bitte die Wirtschaft mehr in Schulen reinnehmen.

Wir hatten kürzlich eine Einladung ins Schloss Hanseberg, ein Internat bei Frankfurt. Dort durften wir einen Tag lang von Startups berichten. Es gibt auch Projekte wie „Business at School“. Der Punkt ist, Schüler selbst etwas kreieren zu lassen. Dabei wächst man nämlich am meisten: wenn man selber etwas erschafft!

 

Das scheint dir am Herzen zu liegen.

Eindeutig ja. Lasst uns mehr erfolgreiche Unternehmen mit in den Unterricht bringen und Projekte gemeinsam machen. Das fehlt. Da ist so eine große Lücke zwischen Bildung und Wirtschaft!
Teenager lernen teilweise, wie man Dinge berechnet, die online kostenlos erledigt werden können.

 

Dennoch ist ein Grundwissen sinnvoll.

Natürlich. Ohne von unseren Mathelehrern gelernt zu haben, könnten wir jetzt nicht unsere Finanzpläne machen. Gar keine Frage. Aber der Praxisbezug ist essentiell. Wir sollten doch ausgebildet werden für das Leben und nicht nur für den Abschluss.

Wir Menschen haben die Verantwortung, Dinge zu verändern. Wenn wir denken, etwas ist nicht gut, dann haben wir die Verantwortung und die Pflicht, eine Veränderung zu bringen. Aber alle meckern, dass der Unterricht immer einfacher wird und die Schüler nichts mehr lernen. Wenn man mich als Schüler gefragt hat, was ich mal werden möchte, wusste ich es nicht. Nie.

 

Wie warst du denn als Schüler?

(lacht) Ich war begeisterter von den Dingen außerhalb der Schule, als innerhalb. Das dürfte die beste Beschreibung sein. Mit 16 habe ich angefangen nebenbei in einer Schreinerei zu arbeiten. Im Marketing.

 

Marketing? Als Schüler?

Das kam so, weil ich keinen Bock mehr hatte, das gleiche zu machen, was jeder andere Schüler auch macht, um nebenbei Geld zu verdienen: Pizzabretter schleifen. Also bin ich zu meinem Chef gelaufen und habe gesagt: „Wenn ich dir mehr Umsatz über Online-Marketing bringe, als du jetzt über den lokalen Schreinereibetrieb, darf ich dann im Büro sitzen?“ Dann habe ich mit meinem 450 Euro-Job sieben Channels auf Amazon bedient, alles gut verteilt. Spanien, Italien, etc. und wir haben Pizzabretter in ganz Europa verkauft. Bestimmt habe ich dadurch auch Geld verbrannt, also nicht nur Gewinne gebracht, aber es war eine coole Erfahrung.

 

Worauf seid ihr als Sdui besonders stolz?

In jedem Gespräch, auch mit potenziellen Investoren, werden wir gefragt, ob wir die App selbst entwickelt haben. Tatsächlich haben wir alles von A bis Z selbst entwickelt, nichts ist von extern eingekauft. Bis zum kleinsten Button oder auch die Algorithmen, die für die Schüler alles filtern – es ist aus unserer Hand. Darauf sind wir stolz. Das Gesamtpaket macht´s. Aber ich persönlich bin besonders stolz auf unsere User-Experience in der App. Ich glaube, wir haben die benutzerfreundlichste App, die es in dem Bereich gibt.

 

Was war denn die größte Herausforderung für euch?

Ernstgenommen zu werden. Das ist die größte Herausforderung. Es ist eine tolle Story für die PR und auf Veranstaltungen, wenn du sagst, du kamst mit 19 aus der Schule, hast direkt ein Start-up gegründet und veränderst jetzt Bildung, aber wenn es um fünfstellige Beträge geht, haben die Leute schon mal Bedenken: Oh, die sind aber erst 19!

Wir haben uns bisher bewiesen. Ich wünschte aber, man würde bei Unternehmen mehr darauf schauen, was sie leisten als auf das Alter der Gründer. Durchaus nach dem Motto: Hey, wir geben ihnen eine Chance, zu zeigen, was sie können. Natürlich haben wir jungen Leute keine Million auf dem Konto, aber wir sind sehr gut dafür aufgestellt, was wir tun. Wir haben die Expertise auf unserem Gebiet, weil wir uns seit Jahren mit dem Thema beschäftigen.

Die interne Herausforderung ist Geduld. Wenn man von etwas begeistert ist, möchte man es schnell vorantreiben. Doch vor allem im Bildungssektor ist es kein Sprint, sondern ein Marathon.

 

Man benötigt also Ausdauer.

Ja. Ich erinnere mich noch an die allererste Schule, in die wir gegangen sind, um der Schulleitung unsere App vorzustellen. Wir sprachen gerade mit der Sekretärin, als aus dem Nebenraum der Schulrektor rief: „Schicken Sie die weg! Das brauchen wir nicht!“

 

Wie sieht es denn innerhalb eures Teams aus. Als Freunde ein gemeinsames Unternehmen zu haben, ist vermutlich auch eine Herausforderung, oder?

Das haben wir bisher sehr gut hinbekommen. Wir verbringen viel Zeit miteinander, auch die Mittagspausen. Es wird über alles gesprochen. Wir bezeichnen uns als Sdui-Familie. So behandeln wir uns aber auch. Wir leben hier das Familienleben, unterstützen einander in Bereichen, die einer vielleicht besser kann als der andere. Jeder ist mit jedem auf guter Ebene befreundet.

 

Das hört man von vielen Startups, aber ich glaube nicht, dass es tatsächlich bei allen zutrifft.

Es ist ein cooler Marketingspruch. Ich habe mir von Anfang an gesagt, ich möchte nicht, dass es bei uns nur ein Marketingspruch ist. Ich glaube, jeder aus dem Team hat irgendwann schon mal bei mir auf dem Sofa übernachtet.

 

Ist das die Voraussetzung, um bei euch eingestellt zu werden?

(lacht) Nein, damit möchte ich nur ein Beispiel dafür nennen, dass wir in einem Verhältnis zueinander stehen, in dem wir sagen können: „Jederzeit ist mein Haus offen für dich und auch in meiner Freizeit habe ich Zeit für dich“.

 

Wie sieht ein normaler Arbeitstag bei dir aus?

Es ist nichts normal. Angefangen hatten wir ja bei mir zu Hause in der Küche. Manchmal arbeiteten wir bei Starbucks, eigentlich fast überall. Dann hatten wir in Wiesbaden beim Accelerator unser Office. Seit Januar 2018 sind wir im TZK.

Mein normaler Tag ist immer anders. Ich bin kein Frühaufsteher, deshalb bin ich erst so ab neun im Office. Von 9 bis 11 heißt es Mails und Telefonate. Ab dann Termine – übers Mittagessen mit Kooperationspartnern, Gespräche mit der Presse, Bürgermeistern oder anderen wichtigen Personen. Wenn mittags keine derartigen Termine anstehen, verbringen wir unsere Mittagspause als Team gemeinsam. Mir ist wichtig, mit jedem einmal pro Woche ein One-on-one-Gespräch zu führen, um zu wissen, wie es meinen Leuten geht. Jeden Montagmorgen machen wir ein Kick-off-Meeting für alle zusammen. Wir unterscheiden zudem zwischen Product- und People-Team. People bezieht sich auf alles, was mit Kunden und Menschen zu tun hat. Das People-Team macht jeden Morgen von 9 bis 9:30 Uhr ein Meeting, das Product-Team von 8:30 bis 9 Uhr. Und freitags haben wir ein Fuck-Up-Friday-Meeting, in dem wir ganz offen und ehrlich aussprechen, was nicht so gut gelaufen ist.

 

Habt ihr die Ideen zu diesen Meetings durch das Coaching beim Accelerator erhalten?

Das Montagsmeeting ja, aber das Freitagsmeeting war mein Bestreben. Gemeinsam in die Woche zu starten und gemeinsam die Woche zu beenden, ist wichtig. Es ist aber auch wichtig, die Tage nicht mit Meetings voll zu klatschen. Die täglichen Besprechungen morgens dauern 15 bis 30 Minuten, länger wäre schlecht. Wir wollen nicht nur reden, sondern machen.

 

Auf eurer Website steht, dass ihr Leute sucht. Was müssen diejenigen mitbringen?

Wir haben fünf Firmenwerte, die sich an einer Hand erläutern lassen. Der Daumen ist Anerkennung. Das heißt, diese Person muss von uns anerkannt sein, sie muss aber auch Anerkennung bringen. Jemanden mit einem großen Ego brauchen wir hier nicht.

Der Zeigefinger ist Professionalität und Ernsthaftigkeit. Das ist wichtig. Denn hey, wir sind jung und machen auch mal Späße, aber wir sind ernst in dem, was wir tun. Die Person muss also dranbleiben und professionell an den Dingen arbeiten können.

Der Mittelfinger steht für „Fuck the System“. Das heißt, wir brauchen Andersdenker, die Dinge nicht einfach nur tun, wie es schon immer war. Sonst gäbe es keine Veränderungen. Querdenken wird heute gebraucht.

Der Ringfinger steht für Loyalität. Unsere Designer und Programmierer erhalten besser bezahlte Jobangebote, bleiben aber trotzdem hier. Denn in der Familie ist man loyal. Jeder kann jederzeit zu mir kommen und mir ins Gesicht sagen, dass ihm etwas nicht passt.

Der Kleine Finger heißt „Details matter“ und steht dafür, dass man den Fokus auf Details legen sollte, denn sie machen den Unterschied.

Wer bei uns arbeiten möchte, müsste diese Einstellungen teilen.

 

Was beschäftigt euch aktuell besonders intensiv?

Aktuell haben wir neben Sdui, also Sdui Education, auch Sdui Media – eine Agentur, die Websiten erstellt und auch viele andere Medienaufträge bearbeitet. Da arbeiten wir für große Kunden. All das benötigen wir, um die App zu finanzieren.

 

Wie ist eure Beziehung zum Standort Koblenz?

Wir würden sehr gerne hier bleiben. Hier neben dem TZK ist die Uni, in der hauptsächlich Informatik und Lehramtsstudiengänge unterrichtet werden. Informatik und Bildung sind quasi um die Ecke. Außerdem ist das hier eine super Location zum Wohlfühlen. Nicht zuletzt wegen des „Stattstrandes“ vorne. Auch die schöne Altstadt. Koblenz punktet mit vielen weichen Faktoren. Und es ist sehr schön, aus der Heimat heraus Veränderungen zu bewirken.

 

Auf Barcamps sagen mir viele von außerhalb, sie würden gerne in Koblenz leben, aber die coolen Jobs würden hier fehlen.

Bestimmt, weil es hier wenige große Firmen mit genug interessanten, freien Stellen gibt. Aber schau dir die Gebäude gegenüber vom TZK an. Ich bin mir sicher, wenn diese Räume jungen Gründern zur Verfügung stünden, wären sie voll. An engagierten Leuten mit guten Ideen mangelt es hier nicht. Das TZK ist ein Brutkasten und es ist gut, wenn Startups nach einiger Zeit beispielsweise in die Innenstadt umziehen, aber es ist grundsätzlich schwierig in Koblenz entsprechende Räume zu finden. Ab einer gewissen Unternehmensgröße.

 

Was würdet ihr euch für Koblenz wünschen?

Wenn wir eine Startup-Region werden wollen …. Wir sind auf dem Weg dahin. Aber wenn wir uns öffentlich so nennen wollen, brauchen wir nicht nur Startups, die dazu bereit sind, zu wachsen. Sondern auch eine Stadt, die alles dafür gibt, damit sie wachsen können. Ich erhoffe mir Unterstützung aus der Politik und Wirtschaft vor Ort. Es bringt nichts, wenn zwei große Unternehmen eine Kooperation machen, ein kleines Ding gründen und das dann Startup nennen. Das ist gar keins. Startups sind beispielsweise die Leute, die hier von der Uni kommen und gründen.

 

Warum würde Koblenz als Standort von Startups profitieren?

Dann entspringen in der Wirtschaft innovative Unternehmen. Leute wollen dann gerne hierhin ziehen, weil es Firmen gibt, für die sie arbeiten möchten. Jedes Startup verändert irgendwie die Stadt. Allein schon, wenn sie beispielsweise für hiesige Traditionsunternehmen einen hervorragenden Social-Media-Auftritt machen. Davon profitieren also auch alteingesessene Unternehmen. Es lohnt sich als Stadt Startups zu fördern, denn Startups geben immer etwas zurück. Give before you get – dieses alte Prinzip gilt auch heute. Wir benötigen hier mehr Synergien – auch die politische Unterstützung mit einbeziehend. Ebenso sollten Universität und Hochschule intensiv daran mitwirken. Erste Schritte, wie das Gründerbüro, sind zwar gemacht, aber es muss mehr geschehen. Aktive Unterstützung fehlt. Was wir in Koblenz ganz klar zu wenig haben ist „Entrepreneur in Residence“. Darunter versteht man einen jungen Studenten oder Absolventen, der sich bei einem Startup hinsetzt und dort das Gründen lernt, indem er die Prozesse mitverfolgt. In gewisser Weise ist er vom Job ähnlich wie ein Business-Developer.

Übrigens sollte es auch zwischen Startups mehr Kollaborationen geben. Da muss man sich selbst an die Nase packen.

Als wir neu ins TZK kamen, statteten uns einige aus den anderen Startups einen Besuch ab und stellten sich vor. Das fand ich so toll, dass ich jetzt auch immer hingehe, wenn neue Startups hier einziehen. Eine Kultur des Miteinanders sollte es hier im Gebäude geben. Ich freue mich über alle, mit denen wir das inzwischen haben.

 

Mit welchem Statement würdest du das Gespräch gerne abschließen?

Politiker haben bestimmt kein einfaches Leben. Nicht zuletzt wegen der Digitalisierung, stehen sie vor komplett neuen Herausforderungen, haben aber nur theoretische Lösungsansätze im Gepäck. Wir von Sdui hingegen bieten eine fertige, greifbare Lösung. Deswegen würden wir uns freuen, mit der Politik eine Kooperation eingehen zu können.

 

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